Wieder einmal waren wir mit einer Gruppe aus unserem Internat in Berlin vertreten. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat viele Institutionen, Initiativen, die sich u. a. im Ehrenamt engagieren dazu eingeladen.
Ein thematisch bedeutsamer Kongress, wurde doch unser Grundgesetz 75 Jahre und wir waren beim Staatsakt unter den Gästen. Dazu später mehr.
280 Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren kamen dieses Mal angereist, um an zwei Tagen an Workshops und Außenforen teilzunehmen. Am Anreisetag fand die Eröffnung statt, ein Briefing zum Ablauf der Tage. Nach einer Mahlzeit gestärkt, standen dann ein paar Kennlernaktionen auf dem Programm. Nach ein paar zurückhaltenden Minuten, stürzten auch wir uns ins Geschehen und beantworteten uns gegenseitig Fragen, aus dem Leben gegriffen (Fotos ).

Hier können sich unsere Leserinnen und Leser einen Überblick über die Vielfalt der angebotenen Workshops und Außenforen verschaffen („Mehr Lesen“ anklicken), an denen wir teilgenommen haben. Dazu mussten wir uns bereits Mitte Mai anmelden. https://www.bpb.de/veranstaltungen/reihen/juko/523930/jugendengagementkongress-2024/?programm=1
Bedeutsam sind die Eindrücke, die unsere jungen KongressteilnehmerInnen aus dem bbs nürnberg mitgenommen haben. Daher schildern sie hier im Folgenden das, was ihnen wichtig erschien:

Jan Leitz
Am 21. Mai 2024 besuchte ich das Außenforum "Verfolgt – Verschont – Integriert? NS-Täter nach 1945". Der Tag begann früh, um 8:55 Uhr, als wir mit der Tram zu einem nach dem Krieg wiederaufgebauten Gebäude fuhren. Nach einer kurzen Einführung betrachteten wir alte Bilder, die eindrucksvoll die Verbindungen zum Zweiten Weltkrieg herstellten. Diese historischen Fotografien halfen uns, die Ereignisse und deren Auswirkungen auf die Nachkriegszeit besser zu verstehen. Die Diskussionen darüber waren sehr aufschlussreich und gaben uns neue Perspektiven auf die Verfolgung und Integration von NS-Tätern nach 1945.
Ein besonders eindrucksvolles Element der Ausstellung war eine Wand mit 500 verschiedenfarbigen Karteikarten. Jede Karteikarte repräsentierte die Stammdaten einer Person, die wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden sollte. 16 dieser Karten ragten hervor, und drei davon stachen noch deutlicher hervor. Dies symbolisierte, dass von den 500 Personen nur 16 tatsächlich verfolgt wurden und lediglich drei verurteilt wurden. Diese Darstellung verdeutlichte die erschreckende Diskrepanz zwischen der Anzahl der Täter und der Anzahl der Verurteilungen. Die Ausstellung zeigte auch, dass es schätzungsweise mindestens 6000 Personen gab, die wegen Kriegsverbrechen hätten angeklagt werden können, ja, müssen! Diese Erkenntnis war besonders erschütternd und regte zu intensiven Diskussionen darüber an, wie Gerechtigkeit in der Nachkriegszeit gehandhabt wurde.
Der Besuch des Außenforums war eine bereichernde Erfahrung. Er half mir, ein tieferes Verständnis für die historischen Zusammenhänge und die Herausforderungen der juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen zu entwickeln. Die Veranstaltung endete um 13:15 Uhr und hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck.

Julia von Stackelberg
Gewalt in der Öffentlichkeit nannte sich der Workshop den zwei Polizistinnen geleitet haben. In dem ging es, wie der Name schon sagt, um Gewalt in der Öffentlichkeit. Die Beamtinnen haben aus ihrem Polizeialltag erzählt und uns viele und zum Teil erschreckende Beispiele genannt. Sie haben uns ein paar Tipps und Tricks beigebracht, wie man in der Öffentlichkeit Gewalt vermeiden kann. Ein Beispiel ist, wenn man nachts in der U-Bahn ist und ein Betrunkener sich zu dir setzt und dich anpöbelt: sprich etwas lauter und mach auf dich aufmerksam. Dass wenn man gewalttätige Zwischenfälle mitbekommt man den Notruf wählen muss und dies kein Notrufmissbrauch ist. Aber in erster Linie ist es wichtig sich selbst zu schützen. 

Nina Stepper
Ich berichte euch von meinem Programm am Mittwoch: Vormittags war ich beim Außenforum "Leben an der Mauer: Die Oderberger Straße & Führung durch’s Museum Kulturbrauerei”. Nach einer Führung durch das Museum, das den Alltag und das allgemeine Leben in der DDR zeigte, mussten wir die Gruppe aufteilen, da wir mit fast 30 Jugendlichen zu viele Personen für eine Stadtführerin waren. Die eine Gruppe machte eine Außenführung, während die andere Gruppe sich genauer im Museum umschaute. Ich gehörte zu der Gruppe, die zur Oderberger Straße gelaufen ist. Die Führung war besonders authentisch, weil die Fremdenführerin selbst 20 Jahre in einer Wohnung in dieser Straße gelebt hat. Sie berichtete z. B, dass diese Wohnungen jahrelang nicht modernisiert wurden und es in der DDR in dieser Straße ein Schwimmbad gab, das man zum Schwimmen aber natürlich auch zum Duschen benutzen konnte, da die meisten Wohnungen kein eigenes Bad hatten.  Zwischendurch wurden auch Bilder herumgereicht, die verdeutlichen sollten, wie die Gegend früher in DDR-Zeiten ausgesehen hat. Diese Bilder wurden mir von Jule und der Stadtführerin beschrieben. Während unserer Führung hatte man auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. 
Nachmittags ging es weiter zum Workshop „Tiktok Faktencheck“: Zum Einstieg wurde erstmal erklärt, wofür man Tiktok nutzen kann und wie der Algorithmus überhaupt funktioniert. Danach wurden verschiedene Themen angesprochen (z. B KI-generierte Bilder und Videos, rechte Influencer, Verschwörungstheorien oder auch den Einfluss der AfD auf die jüngeren Menschen). Jedoch hatten all diese Themen eine Frage gemeinsam: Was kann ich als Nutzer der App gegen die Verbreitung von Hass, Hetze und rechten Videos tun? Nach so viel Info folgte darauf eine Partnerarbeit, bei der jede Gruppe ein Video zugeteilt bekam, das wir analysieren und den anderen vorstellen mussten: Meine Gruppe hatte ein Video, das das Leben der früheren Hausfrauen romantisiert hat: eine Frau backt Pfannkuchen für ihren Mann, unterlegt mit einer Dr. Oetker Werbung von 1954. Das Problematische ist, dass wenn man nach Rezepten sucht, leider auch solche Videos auftauchen, weil sie erstmal mit den gleichen Hashtags gekennzeichnet sind wie normale Kochvideos.Und was lernen wir aus diesem Workshop: Bitte nicht Tiktok als einzige Informationsquelle verwenden, sondern sich selbst informieren und mitdenken!!

Leni Brandes
Beim JUKO 2024 nahm ich an verschiedenen Workshops und Außenforen teil. Eines davon war das Außenforum mit dem Titel “How to resist: the refugee movement in Kreuzberg”. Eine Frau die 2012 aus Kenia geflohen ist, berichtete wie schwierig es war in Deutschland bleiben zu dürfen sowie gleichzeitig gegen den Rassismus zu kämpfen.Bevor sie und viele andere jedoch in Berlin bzw. Deutschland sesshaft werden konnte/n, lebte sie über 2 Jahre im Freien auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Sie setzt sich gemeinsam mit anderen für die Veränderung des deutschen Asylsystems ein. Sie führte uns auf ihrer Tour durch Kreuzberg und die bekannten Orte die damals Bedeutung hatten. Nach vielen Protesten und Klagen bei allen möglichen Anwälten (die erst mal gefunden werden mussten), bekam die Gemeinschaft Aufmerksamkeit und Zuspruch. Der Juko war eine sehr schöne interessante Erfahrung. 

Katarina Tufekcic
"Jüdisches Leben gestern & heute”Ich war am Dienstag, 22.5. in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Die Gruppe, bestehend aus 25 Teilnehmer und ich fuhren mit der Straßenbahn zum Startpunkt. Wir mussten anstehen und hatten eine Taschenkontrolle und Durchsuchung. Als alle durch waren, hat uns eine ältere Dame die Räumlichkeiten beschrieben und uns dazu was erzählt. Die Synagoge wurde im Jahre 1866 eröffnet. In der Nacht vom 09.11.1938 rettete der Polizist Wilhelm Krützfeld die Synagoge, von einem vorgeplanten Brand. Die Führung fand im unteren Bereich statt. Uns wurden die zwei verschiedenen Eingänge gezeigt. Die Männer hatten einen großen, prächtigen und auffälligen Eingang, während die Damen einen kleinen und unauffälligen Eingang hatten.Die Dame erzählte uns von der Reichsprogromnacht, von anderen -geheimen- jüdischen Treffpunkten und über die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Im Anschluss hatten wir ein Gespräch mit zwei jüdischen Damen. Sie berichteten uns über ihr Leben zur heuteigen Zeit, was die Ängste sind, was die Probleme, aber auch, welche schöne Traditionen in der jüdischen Religion verhaftet sind. Im Judentum gibt es 613 Verbote und Gebote. Es gibt verschiedene Arten des Judentums, das orthodoxe Judentum, das konservative Judentum, das reformierte Judentum und das rekonstruktionistische Judentum, jedoch mit weniger als einem Prozent Juden weltweit.Die am häufigsten vertretene Strömung ist das orthodoxe Judentum. Orthodoxe Juden beachten die Gesetze, Regelungen, Verbote und der Schabbat wird mehr geehrt, wie es auch bei orthodoxen Christen mit ihrem Brauchtum der Fall ist. Am Schabbat, diesem Tag also der Samstag wird bei den Juden groß gefeiert. An diesem Tag sind jedoch schwere Aufgaben verboten, es wird nix in den Händen getragen und zu der Synagoge läuft man. An diesem Tag gibt es gutes Essen, was zusammen gegessen wird und häufig kommen andere Juden noch dazu. Das konservative Judentum ist nicht so streng. In dieser Strömung sind alle ein wenig lockerer und die Gesätze und Verbote werden nicht so streng gelebt. Die Damen haben uns berichtet, dass sie am Schabbat oft bei den orthodoxen Juden speisen. Wenn die Damen eine Tasche ins Gebetshaus mitnehmen wollen, wird diese am Kopf getragen. Sie erzählten ebenfalls darüber, dass viele Gebete aus dem Christentum im Judentum vorkommen. Diese werden häufig auf Hebräisch gebetet. In der Synagoge müssen die Männer immer eine Kopfbedeckung (Kippa) tragen. Was ebenfalls am Judentum sehr interessant ist, ist die Tatsache, dass mindestens 10 jüdisch erwachsene Männer für Gebete, Segensprüche und für die Messe nötig sind. Während des Gottesdienstes liest der Kantor aus der Thora vor und trägt zur die spirituellen Atmosphäre bei. Der Rabbi sitzt in der Menschenmenge und betet mit.  Am Ende hatten wir noch die Möglichkeit ein Blick in die Synagoge zuwerfen. Die Synagogen werden seit dem Brand immer in Hinterhöfen gebaut und immer ein wenig höher, somit wird verhindert. dass weitere Brände entstehen. Diese Synagoge war klein und mit Holzbänken ausgestattet. Ich fand diesen Ausflug sehr lehrreich und ich habe vieles neues zum Judentum gelernt. Die Möglichkeit den beiden jüdischen Damen Fragen zustellen, fand ich eine schöne Idee um neues und interessantes zuhören.
Wir feiern zusammen, weil wir zusammengehören (F.W. Steinmeier )Entgegen der früheren Kongresse fand die Party zum Abschluss in diesem Jahr nicht am letzten Abend statt. Dahinter stand die Idee, dass bei der Party geknüpfte Kontakte am Donnerstag noch intensiviert werden konnten, und nicht alle gleich, wie sonst, die Heimreise antraten. Es gab gutes Essen, nach einiger Zeit füllte sich dann auch die Tanzfläche, die durch einen DJ beschallt wurde. 
Das Grundgesetz ist keine Bilanz sondern ein Auftrag (F.W. Steinmeier) Der Donnerstag stand im Zeichen des Staatsaktes und der Preisverleihung „Botschafter für Demokratie und Toleranz“. Es gab vorher erst sechs Staatsakte in der Geschichte Deutschlands und jetzt, beim siebten waren wir dabei! Frank Walter Steinmeier hielt eine wirklich beeindruckende Rede zur Bedeutung des GG. Auszüge daraus gibt es auf youtube und Ihr solltet wirklich mal reinhören.
https://www.youtube.com/watch?v=rp0v-MqaUlQ
https://www.youtube.com/watch?v=JlwuiKCCwjA

Nach dem Staatsakt wurden wir zum Berliner Ensemble kutschiert, das berühmt wurde durch Aufführungen der Werke seines Gründers Bertolt Brecht.Der Festakt zur Auszeichnung der „Botschafterinnen und Botschafter für Demokratie und Toleranz“ findet seit 2001 jährlich am Tag der Verfassung, dem 23. Mai, in Berlin statt. Er wurde durch das Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt, kurz „BfDT“ ins Leben gerufen. Es werden fünf „Botschafterinnen und Botschafter für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet, die durch ein bundesweites Ausschreibungsverfahren ermittelt werden. Diese Menschen oder Initiativen werden damit für ihr besonders herausragendes zivilgesellschaftliches Engagement geehrt. Die Auszeichnung ist mit einem Preisgeld in Höhe von 10.000 € dotiert. Die Auswahlentscheidung trifft eine Jury, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung, des Parlaments, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft.

Das Grundgesetz ist nicht das Ziel sondern der Kompass (F.W. Steinmeier)Sich am Grundgesetz zu orientieren, muss für jeden von uns selbstverständlich sein. Leider ist es das nicht und es kam in der jüngsten Zeit zu eklatanten Verletzungen. Umso wichtiger ist es, dass Menschen mit Mut und Tatkraft sich Strömungen aller Art entgegensetzen, die die Werte des Grundgesetzes untergraben wollen. Dazu gehört wirklich eine Menge Courage. Die diesjährigen Botschafter für Demokratie und Toleranz sind:

1) Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann, sie als Frau mit palästinensischen Wurzeln und er als Jude bieten gemeinsam Diskussionsrunden an Schulen an, zum Nahostkonflikt, Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus.

2) Die Aktion Zivilcourage e. V. macht politische Bildungsarbeit in Sachsen gegen Rechtsextremismus.

3) Hanna Veiler ist eine jüdische Aktivistin und Publizistin, die sich gegen Antisemitismus einsetzt.

4) Die Initiative 19. Februar Hanau setzt sich für die Aufklärung der rassistischen Morde des Jahres 2020 und die Unterstützung Überlebender ein. Seitens unseres Staates ist bezüglich der Aufklärung dieser Taten lange Zeit nichts passiert.

5) Das DemokratieBündnis Rutenberg e. V. wiederum engagiert sich in einem kleinen Ort in der Uckermark gegen völkische Siedler und Reichsbürger.Die Band Banda Communale aus Dresden, die in verschiedenen Orten Sachsens bei Veranstaltungen gegen rechtsradikale Kundgebungen gespielt hat und spielt, sorgte für musikalische Unterhaltung.

Halten wir das aus, was uns trennt, aber stärken das, was uns verbindet (F.W. Steinmeier)
Ein Schlusssatz unseres Präsidenten aus seiner Rede zum Staatsakt, den wir uns zu Herzen nehmen!
Wir sind schon gespannt auf den Jugendengagement Kongress 2025

Text: Michael Heuer
FreiZeitZentrum